Das unfertige Gemälde
Zwischen Warten und Dasein
Um mit irgendetwas fertig zu sein, muss man zuerst einen Anfang und ein Ende dafür bestimmen und daraus ein getrenntes, unabhängiges Ereignis machen. Man kann dafür sehr unterschiedliche Kriterien verwenden: eine bestimmte Zeit, einen Ort oder nur die Aktion, oder auch alles zusammen.
Und so entsteht ein Ereignis, das diese Phasen enthält: zuerst warten, um es anzufangen, anfangen, warten, bis es endet, und das Ende.
Die längste Phase ist offensichtlich das Warten. Man könnte sagen, dass der Anfang und das Ende nicht punktuell sind, sondern sich über eine eigene Phase erstrecken, die aus mehreren Ereignissen besteht (mit viel Warten dazwischen). Aber in diesem Fall verkleinern wir das Bild und sehen sie als Punkte. Indem man das tut, wird deutlicher, welche Phase eines Ereignisses am längsten ist und auch, welche am kürzesten.
Wenn man das Bild noch weiter verkleinert, ist diese ganze Welt nur ein Ereignis, eine kurze Geschichte mit einem Anfang, und wahrscheinlich kommt irgendwann das Ende. Wenn man das Bild noch mehr verkleinert, dann sind alle Anfänge und Enden in einem Ereignis enthalten.
Jetzt vergrößern wir das Bild und betrachten dieses Ereignis:
Du hast angefangen, ein Gemälde zu malen, und nach ein paar Stunden hast du aus irgendeinem Grund aufgehört und gedacht: „Ich setze morgen fort.“ Aber das hast du nicht. Was du an dem Tag geschafft hast, war eine Vase mit ein paar Blumen und etwas Grün.
Tag für Tag denkst du: „Irgendwann werde ich dieses unfertige Gemälde zu Ende malen.“ Nach einem Monat setzt du dich vor das Gemälde und fragst dich, warum es immer noch unfertig in der Ecke des Zimmers steht. Dann kommt plötzlich dieser Gedanke:
Was, wenn das Gemälde schon fertig ist? Vielleicht gibt es nichts mehr daran zu malen, sondern alles, was dieses Gemälde sein wollte, was durch mich zur Existenz gekommen ist, ist schon vollständig und bereit.
Nicht alle Vasen müssen voller Blumen sein. Vielleicht hat diese Blumenvase eine andere Geschichte, die alles bedeutungsvoller, wertvoller und spannender macht!
Nach diesem Gedanken entscheidest du, dass das Gemälde fertig und vollständig ist. Am nächsten Tag hängt es an der Wand mit dem Titel „Das unfertige Gemälde“.
Wir warten und warten und ignorieren dabei die Fähigkeit, Anfänge und Enden selbst zu bestimmen. Denn es ist ein Anfang, wenn du entscheidest, und es ist ein Ende, wann auch immer du es willst.
Zwischen Warten und Dasein liegt nur deine Bestimmung.
— Sahand Sherwan

